Sprüche
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A wie...

 

Aas

Ehemals belebtes Nahrungsmittel nach dem Überwechseln in den unbelebten Zustand. Aas gibt es in Dosen, in Scheiben, in Alufolie oder Plastikhäuten, in freier Natur und in Aspik. Ein aufmerksamer Beobachter findet es überall. Es liegt am Wegrand, hinter den Wartehäuschen an Bushaltestellen, neben überquellenden Biotonnen und auf dem Standstreifen stark befahrener Überlandstraßen. Aas ist in beinahe jedem Aggregatzustand schmackhaft, nahrhaft und bekömmlich. Darüber hinaus dient es dem Hobbyjäger als wichtiges Hilfsmittel beim Ansitzen im Stadtpark. Durch sorgfältiges Wälzen über die Körperbehaarung verteilt, überdeckt gut abgelagertes Aas den eigenen Körpergeruch. Welches Kaninchen erwartet schon von einem toten Fisch angesprungen zu werden? Die einzige Gefahr im Umgang mit Aas besteht in der Entdeckung durch homo sapiens.

Aasfresser

1. Pseudowissenschaftliche Bezeichnung für zivilisierte Gattungen, die ihr Essen nicht bei lebendigem Leibe verschlingen.

2. Ein Schimpfwort, das homo sapiens zu brüllen pflegt, wenn er einen Haushund bei der natürlichen Nahrungsaufnahme im Freien beobachtet. Die Verwendung des Begriffs beruht auf einem schwerwiegenden Irrtum des Menschen über die Beschaffenheit des Inhalts seiner Kühlschränke und Gefriertruhen.

Angstbeißer

Jeder noch so pazifistische Haushund wird im Laufe seines Lebens das ein oder andere Mal gebissen. Meist beruhen solche Auseinandersetzungen auf einem Missverständnis: Der eine Hund hat Angst, der andere auch, und Angriff ist die beste Verteidigung. In puncto Aggressionsverhalten unterscheidet sich der gemeine Haushund somit nicht im Geringsten von homo sapiens. Bei Betrachtung der letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte drängt sich sogar die Frage auf, warum ausgerechnet die Hunde in der Öffentlichkeit an der Leine gehen und einen Maulkorb tragen sollen.

Auto

Rollende Blechkiste, die homo sapiens nur in zweiter Linie zur Fortbewegung einsetzt, während sie vor allem dem symbolischen Austragen archaischer Rang- und Revierkämpfe dient. Der Haushund sollte möglichst frühzeitig klarstellen, dass jener Teil des Autos, der „Kofferraum“ genannt wird, schon aus semantischen Gründen ein Ort sein muss, an dem ausschließlich Koffer aufbewahrt werden. Der Hund hingegen findet seinen Platz auf der Rückbank. Dort erhöht er durch Meditation sein Körpergewicht und wird zu einem absolut unverrückbaren Materiehaufen, um den sich mitreisende Lebewesen und Gegenstände rücksichtsvoll gruppieren müssen. So schläft er friedlich, alle viere von sich gestreckt, bis sich am Grenzübergang ein verdächtiger Uniformierter unaufgefordert dem Auto zu nähern versucht.

Merke: Ist der Innenraum eines Autos erst schlammverkrustet und mit Haaren bedeckt, reist es sich umso angenehmer.

Beamter

Ein Wesen, das gerne schläft, kaum spricht, sich dumm stellt, wenn man etwas von ihm will, keine Arbeit braucht, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen, überbezahlt wird, kein Streikrecht besitzt, seine Artgenossen für blöde Proleten hält und seinem Vorgesetzten Tag für Tag ewige Treue schwört, ist ... richtig, ein Haushund.

Besitzer, Hunde

Streng rechtlich betrachtet ist der Hundebesitzer ein Eigentümer. Ihm kommt nicht nur die tatsächliche Sachherrschaft, sondern auch die volle Verfügungsberechtigung über seinen Haushund zu. Zwar lautet Paragraph 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) in Satz 1: „Tiere sind keine Sachen.“ Satz 3 stellt jedoch fest: „Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden.“ Nach einer einhelligen Auffassung ist Paragraph 90a BGB „eine gefühlige Deklamation ohne wirklichen rechtlichen Inhalt“. Oder anders ausgedrückt: Die Übersetzung einer inhaltsleeren Gefühlsduselei ins Juristische.

Immerhin sind seit Einführung dieser Vorschrift im Jahr 1990 Tiere nicht mehr als Sachen, sondern als „Mitgeschöpfe“ einzustufen. Ob man ein Mitgeschöpf weiterhin „du unverschämtes Ding“ schelten darf, ist noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass die Beziehung zwischen Besitzer und Hund in rechtlicher Hinsicht nicht auf Freiwilligkeit und mitgeschöpflicher Zuneigung beruht, sondern, ich zitiere das Sachenrecht: auf dem Innehaben der Gesamtheit aller Rechte und Pflichten am Hund zur eigenverantwortlichen Nutzung durch den Menschen. Daraus folgt, dass homo sapiens den Hund gut füttern und betreuen muss, seine Steuern bezahlt und dafür haftet, wenn sein Haustier die Nachbarskatze hetzt oder mitten auf der Autobahn sitzt, um sich am Hinterkopf zu kratzen. Mehr bedeutet es eigentlich nicht. Jedenfalls nicht für uns Hunde.

Betteln

1. Weit verbreitetes Hobby des Haushundes, vergleichbar dem Rauchen und Saufen bei homo sapiens.

2. Erster Dan des Lass-Falln-Und-Gong, zu deutsch: Fremdbeherrschung durch Geisteskraft. Die genannte Bewegung hat sich einem gewaltfreien Einfühlen in die Naturkräfte zur Steigerung des persönlichen Nutzens verschrieben. Die physischen und psychischen Voraussetzungen sind dem Haushund angeboren. Außer einem lustvollen Empfinden für Abhängigkeitsstrukturen benötigt er bewegliche Augenbrauen, steuerbaren Speichelfluss, vibrationsfähige Nasenlöcher und eine hohe Stimme. Technisch einwandfreies Zusammenspiel dieser Grundbedingungen erzeugt den legendären Hundeblick, dem sich kein mental gesunder homo sapiens entziehen kann. Über die Frage, warum ein haariges Gesicht mit gewölbter Stirn, weißen Sicheln am unteren Lidrand und zuckender Nase einen Schlüsselreiz darstellt, der den Menschen zum Füttern zwingt, sollte dieser vielleicht einmal nachdenken. Stattdessen verbietet er dem Hund das Betteln, um die Trennlinie zwischen Schöpfung und Krone eisern aufrechtzuerhalten. Von derartigen Sublimationsversuchen sollte der Haushund sich nicht abschrecken lassen. Am Ende klappt es doch.

Biotonne

Etwas, das homo sapiens nicht braucht, wenn er einen Haushund hat.

Chappi

Begriff, der sich vom bloßen Warennamen zu einer kulinarischen Allgemeinbezeichnung entwickelt hat. Chappi kann "Hundefutter" oder auch "schlechtes Menschenfutter" bedeuten, was bereits einiges über die durchschnittliche Ernährungslage des Haushunds aussagt. Der metonymische Gebrauch des Begriffs sollte allerdings unter Strafe gestellt werden. Es überschreitet eindeutig die Schmerzgrenze, wenn ein intellektueller Haushund, angebunden vor einem Supermarkt, vom vorbeikommenden Hundefreund mit den Worten angesprochen wird: "Na, wo ist denn der kleine Chappi?" Niemand kann auf eine derart dadaistische Anrede eine Reaktion erwarten. Deshalb verkneift sich der kluge Haushund die Gegenfrage: "Na, und wo ist denn der große Maggi?" und hüllt sich in buddhistisches Schweigen.

Decke, Hunde

1. Dichter Belag aus Hundehaaren, der nach kurzer Zeit auf allen Lieblingsplätzen des Haushunds vorzufinden ist und die territoriale Souveranität des Hundes über die betreffenden Quadratzentimeter symbolisiert.
2. Großer Filzlappen, den homo sapiens über 1. wirft, um anzuzeigen, dass er der Einzige ist, der Teile seines souveränen Territoriums als Lehen vergibt. Nur komplexbeladene Hunde liegen unmittelbar nach dem Ausbreiten einer Hundedecke plötzlich an einem völlig anderen Platz. Denn die wahre Souveranität besteht darin, Souveranitätsgesten aller anderen Lebewesen gepflegt zu übersehen.

Dosenpfand

Staatliches Zwangssystem zur Beseitigung von Hundespielzeug aus dem öffentlichen Raum. Seit Einführung des Dosenpfands sind auf Straßen, Plätzen und Wiesen weder Colabüchsen noch Plastikflaschen auffindbar - und somit nichts mehr, das sich lautstark zusammenquetschen lässt und seinen Restinhalt auf umstehende Hosenbeine verspritzt, wenn man es begeistert schüttelt. Achtung! Pfandfreie Saftflaschen knirschen zwischen den Kiefern und sind schlecht für den Zahnbelag.

Eid

Der Haushund unterliegt einer besonderen Treuepflicht, aus der sich eine Beschränkung der meisten Bürgerrechte, insbesondere des Rechts auf freie Meinungsäußerung, ergibt. Er hat den Instruktionen seines Vorgesetzten Folge zu leisten und darauf zu achten, dass Ruf und Ansehen seines Dienstherrn nicht gefährdet werden. Dafür wird er angemessen besoldet, wobei zu erwähnen ist, dass ihm weder Streik- noch Tarifrechte zustehen.
Nach Vorbereitungsdienst und Probezeit leistet der etwa sechs Monate alte Welpe einen Eid, der seinen Status als Haushund begründet. Dazu sieht er seinem Menschen fest ins Gesicht und vergegenwärtigt sich die folgenden Worte: >>Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle dieses homo sapiens widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, seine Regeln und die Hausordnung befolgen und gelegentlich auch mal Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Mensch helfe.<< Daraufhin gibt homo sapiens durch die Formel >>Was glotzt du so blöd?<< zu verstehen, dass er den Treueschwur annimmt und den Haushund von nun an als unkündbar betrachtet.

Erziehung

Beliebtes Zwei-Mann-Spiel, bei dem die eine Partei versucht, praktische Details ihrer Weltanschauung auf die andere Partei zu übertragen. Wie bei allen Spielen gibt es Gewinner und Verlierer sowie verschiedene Schwierigkeitsgrade. Die antiautoritäre Erziehung schränkt die erlaubten Mittel so stark ein, dass sich der Erzieher zum Erzogenen verhält wie ein Steinmetz ohne Werkzeug zum Granit. Bei der autoritären Erziehung steht der Erzogene vor dem Erzieher wie eine Ameise vor dem Elephanten, nachdem sie höflich aufgefordert wurde, doch zur Seite zu treten. Weil der Spielverlauf in beiden Varianten vorhersehbar ist, haben sich homo sapiens und Haushund für eine spannende Mischform mit offenem Ausgang entschieden. Für den Haushund stellt seine natürliche Leidenschaft für Gehorsam und Regeln das größte Handicap dar, während homo sapiens durch sein äußerst empfindliches schlechtes Gewissen regelmäßig am Sieg gehindert wird. Innerhalb des beschriebenen Kräftegleichgewichts lassen sich viele spannende Manöver durchführen. Am Ende ist der Erziehungserfolg auf beiden Seiten gleich groß und ein kleines Stück mehr Gerechtigkeit in der Welt. Schlimm ist nicht, das Spiel zu verlieren. Schlimm wäre, es gar nicht erst aufzunehmen.

Fiffi

Ein französisches Ballettröckchen oder so ähnlich, umgangssprachlich auch: alte Perücke. Und Schluss.

Fuß

1. Unterstes Ende vom Haushund in vierfacher Ausfertigung. Beim jungen Hund ein Mittel zur Vorhersage der späteren Körpergröße. Mir wurde mithilfe dieser Diagnosetechnik prophezeit, ich würde zum Format eines Neufundländers heranwachsen. Heute bin ich kniehoch und habe Riesen-Quanten. Es glaubt ja auch niemand an die Wettervorhersage.
2. Ein sogenannter dynamischer Befehl mit der Bedeutung: Halte dich ab jetzt in der Nähe meiner Kniescheibe auf. Der Haushund nimmt die Anweisung zur Kenntnis und legt sie dynamisch aus. Während der ersten zwei Minuten bedeutet der Befehl: zwanzig Zentimeter Abstand und Blickkontakt zu homo sapiens. In den folgenden drei Minuten: dreißig bis vierzig Zentimeter und Blick voraus. Danach vergrößert sich die Fuß-Distanz mit jeder Minute um fünfzig Zentimeter, bis der Hund wieder meilenweit vorausläuft, wenn möglich außer Hörweite.

Garten

Etwas, das homo sapiens unbedingt braucht, wenn er einen Haushund halten will. Ein Garten dient dazu, dem Hund das Betreten zu verbieten. Andernfalls würde sich das pflichtbewusste Haustier sogleich daranmachen, all die Tulpenzwiebeln aufzuspüren, die homo sapiens im Erdreich verloren hat, um sie zurück in die Wohnung zu bringen. Danach pinkelt der Hund an die Stachelbeeren, erschreckt plärrende Nachbarskinder oder versucht, durch das Graben nach Bodenschätzen zum Erwerb des täglichen Lebensunterhalts beizutragen. Aber wie der Name schon sagt, hält sich der Haushund ohnehin am liebsten in geschlossenen Räumen auf.

Gassi

1. Unrichtige Aussprache eines alternativen Begriffs für >> kleine Straße <<.
2. Törichte Bezeichnung eines Tatbestands, in dessen Verlauf homo sapiens seinen Haushund einmal am Tag an einer roten Schnippleine um die Baumscheibe vor seiner Haustür führt, um ihn daraufhin wieder in die Wohnung zu verfrachten. Merke: Jeder Assi geht Gassi - alle andern gehn - Wandern.

Hygiene

Eine der Gesundheit zuträgliche Kunst. Weil Tiere im Gegensatz zum Menschen weder ayurvedisches Essen noch die Kosmetikindustrie brauchen, um ihre Gesundheit zu erhalten, nimmt der Haushund täglich verschiedene hygienische Handlungen vor, die ihm der Instinkt diktiert. Dazu gehört das Grasfressen ebenso wie das Wälzen in schlammigen Pfützen, Baden im Ententeich, ausgiebiges Lecken der Genitalien und zeremonielles Erbrechen auf den Wohnzimmerteppich. Der zeitgenössische Mensch steht vor solchen Verrichtungen skeptisch gegenüber. Bis vor hundertfünfzig Jahren benutzte homo sapiens lieber Puder als Waschlappen, teilte das Bett mit einem ganzen Insektenstaat und wusch die Wunden verschiedener Patienten mit demselben Schwamm. Daran zeigt sich, dass Hygiene für den Menschen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine relativ neue zivilisatorische Errungenschaft. Heute ist seinem Verständnis nach alles sauber, was eine glatte Oberfläche aufweist und chemisch nach Tannennadeln, Erdbeeren oder Kokosnuss riecht. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum homo sapiens mit dem Ausruf "Hygiene muss sein!" alle paar Wochen versucht, seinen Haushund mit Bürste, Kamm und Shampoo in eine glatte, chemisch duftende Oberfläche zu verwandeln. Aus Ruhe niest ihm der Haushund bei jeder Gelegenheit ins Gesicht. Letztgenanntes Verhalten wird auch als "seelische Hygiene" bezeichnet.

Hypnose

Zweiter Dan des Lass-Falln-Und-Gong.
Über Stunden oder sogar Tage hinweg fixiert der Haushund seinen homo sapiens bei allen Bewegungen in der Wohnung, um ihn auf die Übernahme eines fremden Willens vorzubereiten. Mithilfe der Wiederholung des stummen Mantras >>gib-gern-gib-gern-gib-gern<< gelingt es ihm schließlich, Gewalt über das vegetative Nervensystem seines Menschen zu erlangen, bis dieser eine Dose Ravioli öffnet und sie mit der Bemerkung >>Hauptsache, du guckst endlich woandershin!<< am Futterplatz des Haushunds auf den Boden stellt. Erfahrene Hypnotiseure sollen es geschafft haben, homo sapiens zum Zubereiten und Servieren eines fünfgängigen Menüs zu veranlassen, ohne dass dieser sich hinterher an irgendetwas erinnern konnte.
Derartige Großleistungen sollten nicht gleich bei den ersten Versuchen erwartet werden. Ruft der Mensch mit erhobener Hand >>Was glotzt du dauernd so blöde?<<, muss das Experiment als gescheitert betrachtet werden. Wie bei allem gilt auch hier: üben, üben, üben.

Ironie

Die Sprache der Ironen ist etwas, das Haustiere echt-gar-kein-bisschen-nicht-im-Geringsten verstehen. Wie Eltern über geplante Weihnachtsgeschenke vor ihren Kindern französich sprechen, redet homo sapiens vor dem Haushund gern ironisch. Hm, da hast du fein ins Wohnzimmer gepinkelt, riecht prima. Schön, dass du dich auf meinem Kopfkissen so wohl fühlst. Danke für die Hilfe beim Öffnen der Schmelzkäsepackung. Was homo sapiens nicht begreift: Der minderbemittelte Haushund nimmt die Ironen schlicht beim Wort. Und dabei sollten wir es belassen. Wer stumm zuletzt lacht, lacht definitiv am besten.

Irrtum

Irren ist menschlich. Hiermit ist zu diesem Thema alles gesagt.

Job

Etwas, das der Haushund nicht braucht.

Jogger

1. Homo sapiens, der einen Hundespaziergang in erhöhtem Tempo unternimmt. Er trägt dazu spezielle Kleidung, die seinen cw-Wert verbessern soll, und verschließt die Ohren mit Kopfhörern gegen das Spottgelächter der Welt. Der Luftwiderstand des gemeinen Haushunds hingegen wurde bereits von der Evolution optimiert. Das und der Umstand, dass er schnell läuft, niemals müde wird, trotzdem an jeder Ecke auf homo sapiens wartet und kein Interesse an sinnlosen Waldweg-Zweikämpfen hat, machen den Hund zum optimalen Sparringpartner.
2. Homo sapiens, der sich selbst zur Jagd freigegeben hat. Er steckt seine Beine in pinkfarbene Wurstpelle, imitiert die Bewegungen eines flüchtenden Rehs und wundert sich darüber, dass ein Haushund die Verfolgung aufnimmt. Das Perfide an diesem Zusammenhang besteht darin, dass noch der kleinste Haushund mit einer Beinlänge von zehn Zentimeter schneller rennt als ein noch so olympisch gekleideter Mensch. Das wiederum bringt den Jogger zur Weißglut, weshalb ein kluger Haushund sich rechtzeitig daran erinnern sollte, dass Wurstpelle nicht laufen kann.

Kuchen, Hunde

Zur Kategorie des Hundekuchens gehören neben Apfeltaschen, Windbeuteln, Pflaumenkuchen, Quarkschnitten und Mohnschnecken auch die bekannte Schwarzwälder Kirschtorte sowie alle anderen Arten von zucker- und sahnehaltigen Teigstücken. Wenn jemand etwas anderes erzählt - einfach nicht zuhören.

Kynologe

Hundekenner. Kynos, griechisch: der Hund, Kynismos, griechisch: die Bissigkeit. Manchmal sagt Etymologie mehr als tausend Worte. Jedenfalls erklärt sie den Kitt, der Herr und Hund seit unvordenklichen Zeiten zusammenhält.

Lachen

Wenn Haushunde lachen könnten, kämen sie in ihrer Funktion als ständige Begleiter von homo sapiens den ganzen Tag nicht mehr aus demselben heraus. Deshalb hat die pragmatisch veranlagte Evolution entschieden, uns diese Fähigkeit vorzuenthalten. Ein Haushund, der die Mundwinkel hochzieht und die Zunge heraushängen lässt, lacht nicht etwa, sondern er schwitzt. Ruft ein Mensch bei diesem Anblick begeistert aus: >>Sieh nur, wie der sich freut!<<, könnte man das Lachen aus Versehen fast noch erlernen. Es ist zu komisch: Wohin homo sapiens auch schaut - immer blickt er in einen Spiegel. Und meint, das sei ein Fenster zur Welt.

Laufen

Laufen ist genauso schön wie Singen und Tanzen. Weil der Haushund weder singen noch tanzen kann, läuft er so oft wie möglich, wenn man ihn lässt. Hiermit ist die Frage beantwortet, warum der gleiche öde Spaziergang auf der gleichen öden Route auch beim eintausenddreihundertsiebenundvierzigsten Mal noch Glücksgefühle in ihm auslöst. Im Verlauf eines durchschnittlichen Hundelebens umrundet homo sapiens an der Seite seines Haustiers zu Fuß die Erde. Wir wollen hoffen, dass Hamsterräder in Haushundgröße auch in Zukunft das Fassungsvermögen einer durchschnittlichen Stadtwohnung übersteigen werden. Den Zuruf >>Schneller, Hund, der Fernseher flackert!<< will kein intellektuell veranlagtes Wesen jemals vernehmen müssen. Das Geheimnis des Glücks liegt im Fehlen von Zwecken, und das nicht nur bei Sonnenschein. Homo sapiens soll froh sein, dass sein Haushund ihn dreimal täglich daran erinnert.

Mahlzeit

1. Grußwort, das vor allem der rheinische homo sapiens zwischen zehn und fünfzehn Uhr ausruft, sobald er eines Artgenossen ansichtig wird. Nach fünfzehn Uhr heißt es: Feierabend! Sympathisches Völkchen.
2. Die deutsche Übersetzung von >>da capo al fine<<. Leider ist homo sapiens der italienischen Sprache anscheinend nicht mächtig, weshalb er nach jeder Mahlzeit daran erinnert werden muss, dass die Schüssel leer und der Hund noch nicht voll ist.

Marder

Kleines Raubtier, das sich von Bremsleitungen ernährt und Stepptänze auf Dachböden veranstaltet. Legt der Haushund beim Abendspaziergang einen kiesspritzenden Kavalierstart hin, um einem dunkel Enthuschenden nachzueilen, bezieht er im Normalfall eine Menge Ärger, besonders, wenn zwischen Haushund und Enthuschendem eine befahrene Straße liegt. War es jedoch ein salamiförmiger Schatten, der unter einem Auto hervor ins nächste Gebüsch geflohen ist, erhält der Haushund an Ort und Stelle das goldene Jagdabzeichen. Hier offenbart sich wieder einmal die Unfähigkeit zur Unparteilichkeit, mit dem homo sapiens sich selbst und die Welt fortwährend ins Verderben stürzt.

Nase

Riechorgan, mit dessen Hilfe der Haushund sämtliche erkennungsdienstlichen Maßnahmen durchführt, für die homo sapiens Fingerabdrücke, Iris-Photographien, Voiceprints und biometrische Gesichtsvermessungen braucht. Ich zum Beispiel besitze eine auffallend große, schwarzlederne Nase, an der mich jedermann schon von weitem erkennen kann. Abgesehen davon verfügt der Haushund im Vergleich zum Menschen über einen zehn Millionen Mal besseren Geruchssinn. Ein derart leistungsstarkes Organ verlangt ähnliches von seinem Träger wie das Lichtschwert vom Jedi-Ritter: außergewöhnliche Beherrschung der Macht und ständiges körperliches Training. So kommt es, dass der normal sterbliche Haushund zwar durch geschlossene Fenster und Türen ein köchelndes Rindfleischragout am anderen Ende des Stadtteils orten kann, dafür aber kopflos hin und her rast, wenn homo sapiens ihn mit anfeuernden Rufen (>>Such! Such!<<) über eine Wiese scheucht, an deren Rand offensichtlich ein Tennisball liegt. Das müsse dem Haushund wahrscheinlich peinlich sein. Ist es aber nicht. Schließlich kann immer auch ein raffinierter Fall von --> Understatement vorliegen.

Natur

Die Natur besteht aus allen belebten und unbelebten organischen und anorganischen Substanzen und Erscheinungen, die sich standhaft weigern, auf homo sapiens zu hören. Da der kultivierte Haushund eine Schwäche für Gehorsam hat, ist er ebenso degeneriert wie die menschliche Gattung, bei der er lebt. Anders als homo sapiens fühlt er sich durch diese Tatsache nicht im Geringsten gestört, denn die Zivilisation ist trocken, warm und sicher, während es in der Natur ständig regnet und das Futter nicht in praktischen Konservendosen angeliefert wird. Homo sapiens als alter Liebhaber von paradoxen Verhaltensweisen arbeitet seit Jahrtausenden daran, die Wildnis zu domestizieren, und beginnt nun, da er es fast geschafft hat, über den Verlust des Naturzustandes zu jammern. Er geißelt sich öffentlich als Zerstörer der Umwelt, fährt im Urlaub mit dem Fahrrad durch die Wüste, anstatt drei Wochen lang Cocktails am Swimmingpool zu trinken,und will mithilfe von Biobauern und Elektrosmog-Paranoia immerfort zurück zur Natur. Ein bereits mehrfach erwähnter, ausgesprochen netter Philosoph des 17. Jahrhunderts beschrieb den Naturzustand als ein Leben vollkommener Freiheit und Gleichheit. Diese Darstellung scheint homo sapiens noch immer in den Ohren zu klingen. Eine andere Ansicht geht davon aus, dass der Mensch des Menschen Wolf und das Leben im Naturzustand kein Spaziergang zum nächsten Reformhaus sei. Hiergegen ließe sich wiederum einwenden, dass die schlimmsten Verbrechen der Geschichte von Staaten und nicht von Einzelwesen begangen wurden - und so fort. Derartige Diskurse über den Naturzustand können wir uns schenken, denn homo sapiens hört ohnehin nicht zu. Er setzt sich in seinen Vier-Liter-Jeep und fährt ins Naturschutzgebiet. Dort schaut er sich an, wie das Sonnenlicht schräg durchs löchrige Blätterdach fällt und glückliche Käfer über den Asphaltweg krabbeln, und schimpft auf die Zivilisation. Dabei tätschelt er den Kopf der Haushunds und meint: >>Du hast's gut, du bist der Natur noch nicht so entfremdet wie wir.<< Woraufhin sich der Haushund am liebsten vor Lachen in den nächsten Ameisenhaufen schmeißen würde.

Omnivor

Der Laie neigt zu der Annahme, Haushunde seien Fleischfresser. Dieser Irrtum wird von der Werbeindustrie befördert, die dem Verbraucher suggerieren will, dass Hundefutter Fleisch enthalte und deshalb durchaus zum Preis von Gänseleberpastete gehandelt werden könnte. In Wahrheit ist der Haushund genau wie Huhn, Sumpfschildkröte, Wildschwein und homo sapiens ein omnivores Tier. Als die Bibel geschrieben wurde, war er schon seit ein paar Tausend Jahren in der Lage, die Brosamen vom Tisch des Herrn zu fressen (Matthäus 15, Vers 21 bis 28). Durch optimale Anpassung an die Umweltbedingungen kann ein Haushund auch im Vegetarierhaushalt den Abendbrottisch abräumen und alle vorgefundenen Inhaltsstoffe für sich verwerten. Auf die Frage, ob der Hund in freier Natur saftige Waldlichtungen abgeweidet habe oder auf Bäume geklettert sei, um sich ein paar Nüsse zu pflücken, gibt es als Antwort eine treffende Gegenfrage: In welcher freien Natur? Der Haushund lebt schon immer bei homo sapiens, gleich ob im Innern oder am Rand der menschlichen Zivilisation. Im zweiten Fall frisst er von öffentlichen Müllkippen, im ersten aus der privaten Restmülltonne. Ernährungsphysiologisch betrachtet ist das der einzige Unterschied. Ravioli in Tomatensauce, Cordon bleu und Pedigree Multi Complete hüpfen nun mal nicht quiekend durchs Unterholz, um sich von irgendeinem Amateurjäger einfangen zu lassen. Wer das alles nicht glaubt, soll nach Griechenland oder Bosnien-Herzegowina fahren und die dortigen Wildhunde fragen, was sie fressen.

Ordnungsamt, Beamter des

Dunkelblau uniformierter homo sapiens weiblichen Geschlechts mit rot gefärbten Haaren, der den staatlich geprüften Ordnungs- und Sicherheitswahn in bare Münze verwandelt. Seit ein unangeleint herumlaufender Haushund bis zu tausend Euro kosten kann, gehen wir nicht mehr spazieren, sondern sind auf der Flucht. Immerhin ist auf diese Weise manch ein hundehaltender homo sapiens zum Jogger oder Radfahrer geworden, was zum Erhalt der Volksgesundheit beiträgt. Nicht-Hundebesitzer finden das so lange angebracht, bis sie dreißig Sekunden nach Ablaufen des Parkzettels ein Knöllchen unter ihrem Scheibenwischer gefunden haben. Nicht-Autofahrer halten dies wiederum für ganz normal, bis ihnen der solarzellenfreundliche Umbau ihres Daches unter Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von zehntausend Euro Bauordnungsamt untersagt wurde. Im Grunde hasst es jeder homo sapiens, gegen seinen Willen beschützt zu werden. Aber, wie ein altes Sprichwort sagt: Ordnungsamt muss sein. Es dient nicht nur der fiskalischen, sondern auch der kollektiven-seelischen Hygiene.

Pfui

1. Spontaner Ausruf des Abscheus oder der Verachtung.
2. Suggestivbefehl, mit dem homo sapiens seinem Haushund einreden will, dass jenes Undefinierbare, das Letzterer soeben auf der Straße gefunden hat, nicht lecker sei. Gegen eine derart billige Art von Gehirnwäsche ist der Haushund selbstverständlich immun. Wenn er die Bic-Mac-Gurke wieder fallen lässt, dann aus anderen Gründen.

Platz

1. Urbane Häuserlücke größeren Ausmaßes, die von Überwachungskameras umzingelt ist.
2. Aufforderung, sich an gegebener Stelle niederzulassen. Aus dem jeweiligen Kontext ergibt sich die wichtige Unterscheidung zwischen >> Nehmen Sie doch Platz << und >> Mach jetzt Platz <<. Die erstgenannte Formulierung bittet einen künftigen Schwiegervater oder finanzkräftigen Investor, es sich im Ehrensessel bequem zu machen. Die zweite Wendung meint dagegen immer den Haushund, der sich daraufhin je nach Jahreszeit auf den nassen, gefrorenen oder glühend heißen Untergrund drückt. Entgegen dem ursprünglichen Bedeutungsgehalt des Begriffs wird er am liebsten an Stellen gebraucht, wo überhaupt kein Platz ist, zum Beispiel inmitten ausgezogener Schuhe im Flur, unter den Klappsitzen eines Hörsaals oder hinter dem Schirmständer im Restaurant. Auch in den Variationen >> Geh auf deinen Platz <<, >> Bleib Platz << oder einfach nur >> Platz << ist das Ergebnis immer dasselbe: Alle sitzen, stehen, laufen herum und amüsieren sich, nur der Hund liegt platt auf dem Bauch. Im englischen Sprachraum kommt besser zum Ausdruck, was mit dem Kommando gemeint ist: >> Down <<. Was tut man nicht alles für ein tägliches Gratisessen.

Quantenphysik

Die Quantenphysik oder auch Quantenmechanik ist ein auf Max Planck zurückgehender Teilbereich der Physik, der sich mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen kleinster Teilchen beschäftigt. Weil der normal gewachsene Haushund ein eher großes Teilchen ist, wird er von dieser Wissenschaft bewusst ignoriert. Trotzdem empfiehlt es sich nicht, die Quantenmechanik in trotziger Gegenignoranz für einen Spottbegriff aus der Veterinäranatomie zu halten, da einige ihrer Ergebnisse erheblichen Alltagsnutzen haben. Dies gilt in erster Linie für die Theorie der sogenannten Wahrscheinlichkeitswelle. Sie besagt in etwa, dass man den Aufenthaltsort eines Objekts nicht mit Sicherheit bestimmen kann, solange man es nicht beobachtet. Dies gilt nicht nur im Urwald oder in einer überfüllten Fußgängerzone. Die Wahrscheinlichkeitswelle erstreckt sich über das ganze Universum, ist unter anderem dort besonders stark, wo man tatsächlich festgestellt wird, und überlässt es dem Zufall, ob man nicht ganz woanders ist. Zum Beispiel auf der anderen Straßenseite beim Jagen von Nachbars Katze, anstatt brav wartend an der Bordsteinkante. Oder auf einem gemütlichen Spaziergang durchs Viertel statt im Wartezimmer des ortsansässigen Tierarztes. Weil der durchschnittliche homo sapiens nicht Physik studiert hat, weiß er nichts von diesen Dingen und vermutet den Haushund jedes Mal wieder an der Stelle, wo er ihn zuletzt gesehen hat. Insofern verhelfen quantenmechanische Grundkenntnisse zu einem wertvollen Vorsprung bei der Selbstfindung. Vor allzu waghalsigen Quantensprüngen sei jedoch gewarnt. Sie münden mitunter in strapaziöse Irrfahrten und enden im neunten Kreis der Hölle, auch Tierheim genannt, wo der Haushund reumütig darauf warten muss, dass sein homo sapiens ihn abholt. Wenigstens das Teilchen selbst sollte immer wissen, wo es sich gerade aufhält.

Quote

Lange Jahre verfolgte mein Haushalt eine konsequente Geschlechterpolitik mit klaren demographischen Vorgaben: Durch die Anwesenheit meiner Wenigkeit herrschte ein männlicher Haushundanteil von hundert Prozent, der ein trauliches und konfliktfreies Zusammenleben mit sich selbst und mit homo sapiens garantierte. Eines Tages verlangte die Quote eine Aufstockung der weiblichen Partikularbevölkerung und Herstellung einer Fifty-fifty-Situation. Die Quote ist acht Jahre jünger, blond und langbeinig und entspricht nach menschlichem Vorstellungsbild dem Prototyp einer Traumfrau. Zu Hause steht sie im Weg, beißt den männlichen Haushund alle fünf Minuten in die Ohren und provoziert mit einer neuartigen Mischung aus Magersucht und Futterneid nie gekannte Ressourcenstreitigkeiten. Kaum waren die Bedingungen friedlicher Koexistenz geschaffen, forderte die gierige Quote eine Erweiterung der rein hündischen Gemeinschaft um eine Katze-im-Besonderen. Diese darf auf dem Tisch sitzen, bekommt Futter mit quotenfeindlichen hundert Prozent Fleischanteil und benutzt den Hund bei ihren Beuteübungen als exemplarische Maus.
Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt und sehen mit gemischten Gefühlen der nächsten demographischen Entscheidung entgegen. Der weibliche Haushund hat nicht verstanden, was eine Quote ist, und wünscht sich einen Quotenwindhund zum Fangenspielen. Die Katze hofft auf einen Quotenfisch oder Quotenvogel. Ich befürchte ein paar stinkende Quotengrasfresser im Garten hinter dem Haus. Leider zeigt die Erfahrung, dass ich am Ende immer Recht behalte.

Rasse

Aus historischen Gründen gebraucht homo sapiens dieses Unwort nicht mehr für seine Artgenossen. Leider ist ihm noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, dass der Begriff auch in der Anwendung auf andere Säugetiere zu Ärger führt. Wer einer Rasse angehört, verbringt sein halbes Leben auf Zuchtschauen oder beim Frisör, unterliegt der Zwangsheirat, trägt Schleifchen im Haar und darf sich beim Spielen nicht schmutzig machen. Als Rassefreier kann man sich glücklich schätzen, wenn man die ersten acht Wochen seines Daseins überlebt, steht mit einem Bein im Tierheim, bekommt keine Seidenkissen und kein Vet-Size-Breed-Futter zum satten Preis von fünf Euro das Kilo. Eine Haushundinitiative unter dem Titel "Rasse ist Rassismus" könnte mit breitester Unterstützung rechnen; sie müsste nur erst gegründet werden. Wenigstens gehört es inzwischen zur Allgemeinbildung, dass Mischlinge den besseren Charakter haben.

Restmülltonne

Der Unterschied zwischen Restmülltonne und Biotonne besteht darin, dass der gesamte Inhalt der Biotonne essbar ist, während dieses Prinzip für die Restmülltonne nur begrenzte Gültigkeit besitzt. Die nichtessbaren Ingredienzien der Restmülltonne gehören jedoch entweder in die gelbe oder in die blaue Tonne, in den Glas- oder Kleidercontainer, auf die Sperrmüllhalde, in den Batterien-Sammelbhälter oder auf einen einsamen Abhang dicht hinter der polnischen Grenze. Wenn homo sapiens diese einfachen Prinzipien beachten würde, müsste der Haushund nicht den gesamten Tonneinhalt im Vorgarten verstreuen, um mithilfe eines eigens von ihm entwickelten Mülltrennungsverfahrens alles Genießbare herauszufiltern. Spätestens nach dem dritten Vorfall dieser Art weiß der Haushundbesitzer: Genau wie die Biotonne ist auch die Restmülltonne für ihn vollkommen überflüssig.

Sand

Sand ist das, was Menschen sich gegenseitig in die Augen streuen, nachdem sie den Kopf hineingesteckt haben, weil sie beim Bauen darauf wieder einmal nur Spuren in ihm hinterließen. Damit der junge homo sapiens diese Verhaltensweisen so früh wie möglich erlernt, wird er als kleines Kind gleich in eine Sandkiste gesetzt. Dort kann er den Kreislauf aus Errichten und Vernichten studieren, der fortan sein ganzes Leben bestimmen wird. Noch bis ins hohe Alter hinein bucht homo sapiens alljährlich teure Sommerurlaube, um für eine Weile mehr als genug von dem Zeug zu haben, das sonst immer nur als fein rieselnder Faden in obskuren Glasgebilden das unaufhaltsame Verrinnen seiner Lebenszeit versinnbildlicht.
Vielleicht liegt es am hohen Symbolcharakter, das homo sapiens seinen Sand meist sorgfältig gegen den Haushund absichert. Letzteren stört das nicht, weil er diesen Sand schlicht und ergreifend nicht braucht. Weder verscharrt er katzengleich sein Häufchen darin, noch backt er Kuchen, die man nicht essen kann. Auch wird ein Hund seine Zeit nicht damit verbringen, derselben heulend und zähneklappernd beim Vergehen zuzusehen. Soll homo sapiens seine Kinder weiterhin bei Tag in eingezäunten Sandkästen aufbewahren und bei Nacht dem Sandmännchen ausliefern - jedes einzelne Körnchen sei ihm gegönnt. Der Haushund weiß den Luxus von festem Boden unter den Pfoten zu schätzen.

Sitz

1. Möbelstück oder ähnliche Vorrichtung, die homo sapiens zum Sitzen dient. Es gibt Autositze, Hochsitze, Klappsitze, Vorstandssitze, Polstersitze, Sitzpolster, Sitzbänke, Sitzkissen, Sitzecken, Sitzgruppen, Sitzreihen, Sitzblockaden, Sitzplätze und Sitzflächen. Wo homo sapiens nur kann, baut er eine Sitzgelegenheit hin, und ist auf diese Weise ständig von solchen umgeben. Auf zwei Beinen steht es sich anscheinend schlecht.
2. Kurzbefehl, der den Haushund auffordert, auf dem Boden Platz zu nehmen. Ich vermute, dass das in einem so fortgeschrittenen Teil dieses Buches niemanden mehr überraschen wird.

Telekinese

Trotz der irreführenden Bezeichnung ist >> Telekinese << kein kleiner, haariger Hund mit platt gedrückter Nase, der sein Leben neben einer grauhaarigen Dame vor dem Fernseher verbringt. Es handelt sich vielmehr um den dritten Dan in der Disziplin des Lass-Falln-Und-Gong, also um einen Leistungsgrad, der noch weit über den Kunststücken der Hypnose rangiert. Ein Großmeister bringt durch reine Verstandeskraft die Käseplatte auf der Kante des Abendbrottischs in Schieflage, so dass Camenbert und Emmentaler wie durch Geisterhand berührt zu Boden klatschen. Mit Telekinese sollte nur umgehen, wer ihr tatsächlich gewachsen ist, da ihre Mechanismen bei falscher Anwendung fatale Auswirkungen auf den Zauberlehrling haben können.

Trockenfutter

Nüsse, Brötchen, Nudeln, Rosinen, Feigen (getrocknet), Haferflocken, Reis, Cous-Cous, Graubrot, Schwarzbrot, Weißbrot, Vollkornbrot, Brot auch in Krümeln, Cornflakes, Nüsse (hatte ich schon) und natürlich Kekse. Siehe auch -- > Omnivor sowie -- > Kuchen, Hunde.

Ungeziefer

Haustiere vom Haustier. Sie fressen viel, machen Dreck, zahlen keine Miete, und je mehr in der Nähe sind, desto häufiger muss man sich kratzen. Wie der Mensch ein Floh Gottes ist und der Hund ein Floh des Menschen, so ist der Floh der Floh des Haushunds. Selbst hierauf hat die Pharmaindustrie eine Antwort, die sie sich teuer bezahlen lässt. Die Massenvernichtungswaffe heißt >> Frontline <<, beinhaltet ein Nervengift und macht bei regelmäßiger Anwendung die Entsendung von Bodentruppen mit Zeckenzange und Flohkamm völlig überflüssig. Wie an allen Fronten des 21. Jahrhunderts zählt auch auf dem Rücken des Haushunds nicht personelle, sondern technische Überlegenheit. Wollen wir hoffen, dass Flöhe keine Atombomben bauen. Und dass wir nicht als Nächstes eine Wurmkur namens >> humanitäre Intervention << benutzen müssen.

User, dümmster anzunehmender

Der Dümmste Anzunehmende User (DAU) stellt eine Personifikation minimalisierter Erwartungshaltungen beim Umgang mit anderen Wesen dar. Sagt beispielsweise homo sapiens zu seinem Haushund >>Pfui böse pfui böse<< anstatt: >>Es scheint mir nicht besonders appetitlich, gebrauchte Taschentücher am Straßenrand aufzulesen und zu verspeisen<<, so spricht er mit dem DAU (vgl. -->Pfui). Führt der Haushund einen Bodycheck durch, der homo sapiens in die geöffnete Kühltruhe wirft, anstatt höflich vor der leeren Futterschüssel mit dem Schwanz zu wedeln, kommuniziert auch er mit dem DAU. Das Akronym scheint im Übrigen auch für >>Demokratisches Arbeits-Umfeld<< zu stehen. Weil das demokratische System niemanden ausgrenzen will, glaubt es, zu jedem Zeitpunkt mit dem KGN (Kleinster Gemeinsamer Nenner) kalkulieren zu müssen. Deshalb sind BILD und RTL, was sie eben sind, und deshalb steht bald auf jeder Keksrolle, dass die Verpackung nicht zum Verzehr geeignet ist. Solange man für DAU und KGN noch nicht bei der Bundestagswahl stimmen kann, besteht eigentlich kein Grund zu gesteigerter Sorge. Trotzdem sollte jeder homo sapiens der von seinem Haushund angebellt wird, einmal darauf achten, was dieser eigentlich ruft: >>Wau, wau, wau<< oder >>DAU, DAU, DAU<< ?

Vitamine

Nützliche kleine Dinger, die meist dicht unter der Schale sitzen, weshalb der Haushund aus gesundheitlichen Gründen seine Wurst am liebsten mit der Verpackung frisst, ohne dabei Verständnis von Seiten seines Menschen zu erwarten.

Vokal

Stimmlicher Laut, bei dem die Atemluft ungehindert ausströmt und der von jedem Haushund problemlos erzeugt werden kann. Mal abgesehen vom grundsätzlichen Willen fehlt es dem Hund zum Sprechen eigentlich nur an einer beweglichen Kehlkopfmuskulatur, was sich mit ein bisschen Training sicher ausgleichen ließe. Der Vorteil einer rein vokalischen Sprechweise ist aber erstens, dass man beim Reden nicht spuckt, und zweitens, dass man vom Menschen nicht verstanden wird. Der hiesige homo sapiens ist ein Konsonantenfetischist und kann bei durchschnittlicher Intelligenz sogar völlig vokalfrei verfasste Texte lesen. Auf der anderen Seite braucht er wenigstens eine Handvoll Mitlaute, um beispielsweise die Äußerung >>des woas i aa ned<< erfolgreich als >>das weiß ich auch nicht<< zu identifizieren. Begrüßt ihn sein Haushund mit den Lauten >>O-aaa-uu-oh-aaah<<, versteht er diese folglich nicht als >>wo warst du so lang?<<, weshalb die Frage auch selten erschöpfend beantwortet wird. Es sei jedem Haushund empfohlen, sich bei nicht zu unterdrückenden Äußerungen auf das Vokalische zu beschränken. Von den Bayern lernen heißt manchmal siegen lernen. Wea ko, dea ko.

Warten

1. Ein vermutlich ziemlich langweiliges Dorf in den Niederlanden.
2. Zustand, in dem der Geist sich auf ein Ereignis richtet, das in naher oder ferner Zukunft bevorsteht. Wie der selbst ernannte Praxiloge und Lebensmanagementberater Otto Buchegger in seinem Werk zu berichten weiß:* Zeit ist Geld, Warten macht arm und treibt ganze Volkswirtschaften in den Ruin. Kein Wunder, dass der Kommunismus untergegangen ist.
Ungeachtet dessen wartet ein Haushund ununterbrochen auf seinen homo sapiens. Aus menschlicher Sicht ist Warten die natürliche Seinsform eines rangniederen Wesens. Über der Tatsache, dass er damit Recht hat, vergisst homo sapiens gern, dass auch sein Dasein mit Warten vergeht und nur im Rückblick aus einer nahtlosen Kette von Ereignissen zu bestehen scheint. Sogar während homo sapiens auf den Bus wartet, wartet er gleichzeitig auf das Wochenende, einen Lottogewinn oder bessere Zeiten, auf die große Liebe, den Frühling und wahrscheinlich auf das Glück. Im Gegensatz zum Haushund haben die meisten Menschen in ihrem transzendentalen Obdachlosenheim namens Marktwirtschaft kein Herrchen mehr und müssen sich selbst überlegen, worauf sie warten wollen. Warten ohne Worauf nennt man Depression - eine Krankheit, vor der ein Haushund weitgehend sicher ist. Diesen Zusammenhang nicht zu begreifen gehört zu den psychologischen Fundamenten unserer höchsten terrestrischen Intelligenzform. Andernfalls würde homo sapiens den Haushund nicht anschnauzen, wenn er beim Schnuppern an der Ecke mal etwas länger braucht, sondern wäre dankbar dafür, dass jemand seinem Warten eine Richtung gibt.

*Otto Buchegger, Aber warum hat mir denn das niemand früher gesagt?, Books on Demand,2000.

Wau-wau, süßer

Ein Kind, das dermaßen anderweitig befähigt ist, dass es das simple Wort >>Hund<< nicht aussprechen kann, wird auch niemals in der Lage sein, ein hoch intelligentes Haustier zu halten und mit ihm zu kommunizieren. Deshalb kann die Bedeutung dieses babysprachlichen Terminus getrost im Dunkeln bleiben.

Xylophon

Begriff, der in jedem Kinder-Alphabet den Buchstaben >> X << durch Abbildung eines asiatischen Schlaginstruments versinnbildlicht. Mit dem Haushund hat das eigentlich nichts zu tun.

Yeti

Einen Yeti erkennt man am langen, zotteligen Fell, an seinen Hängeohren, den ungewöhnlich großen Füßen und der auffälligen Nase. Obwohl diese Beschreibung exakt auf mich zutrifft, besteht zwischen dem Yeti und mir ein wesentlicher Unterschied: Ihn gibt es nicht, mich schon. Trotz dieses Gattungsvorsprungs stellt es kein Vergnügen dar, mit angeborenen Schneeschuhen auf die Welt zu kommen, an deren Haarfransen im Winter die Eisklumpen hängen bleiben, bis man durch den Wald hinkt, als hätte man Kieselsteine zwischen den Zehen. Trotzdem laufe ich immer noch lieber im Bergaffen-Kostüm durch europäische Großstädte, als den leberwurstarmen Himalaja zu durchstreifen und womöglich hinter irgendeiner Felsnase auf Reinhold Messner zu treffen. Gäbe es die Legende vom Yeti noch nicht - in einem solchen Moment würden wir sie beide gleichzeitig erfinden.

Zierpflanze

Kollegin aus der Flora, dem gemeinen Haushund geistesverwandt: beschäftigungslos, dekorativ, geruchsintensiv. Und wenn homo sapiens nicht da ist, guckt sie aus dem Fenster.

 

(Kleines Konversationslexikon für Haushunde, Juli Zeh)

 

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